Autorin Carla Schwiegk, alle Rechte vorbehalten

erschienen in der Frankfurter Bibliothek:

Über das Jahr

Der Sommer war verlaust

und kratzt sich zwischen schüttrem Haar    noch grillig hinterm Ohr.
Als sonnengebrannter Mohr
hat er gehaust.
Es tritt aus seinen Fingerspuren
am Weinblatt dunkles Blut hervor.

Nur drei  - vier Wochen noch

dann wäscht der Herbst das Haar    und bändigt es in Spinnennetzen.
Furchentief aufgerissen
liegt braunes Feld in Fetzen,
in fünf Kratzbeerenperlen
vergrindet sich das Jahr.

Und später legt sich kühle Haube

auf die geschund´ne heiße Haut       in weichen Flocken.
Wie trock´ne Schuppen knistert das im Laube.
Das Frühjahr tanzt erneut als weiße Braut,

und unterm Eis hervor quillt Blütentraube     auf grünen Locken.

erschienen im Zündblättchen der Edition Dreizeichen v. Else Gold

Paradiesvogel 

Der Raubvogel kreist,
windet Zeit in seine Bahn -
an den Flügelspitzen Knochen bereits.

Rücken an Rücken stehen sie,
drehen hautlos seine Kreise,
seine Bahn windet Kleid um sie -
an den Knochen Flügelspitzen, bereits.

erschienen im Zündblättchen der Edition Dreizeichen v. Else Gold

Nachtwandel

Tausend schwarze Katzen flitzen über regennasse Straßen,
blitzen mit den grellen Augen aus den dunklen Fratzen.
Große Regentropfen spritzen, wenn sie klatschend platzen,
weiche Tatzen kratzen breite Ritzen in die nasse Schicht.
In den Wogen wälzen Leiber sich von Walen und Delphinen.
Weiche Reifen greifen rollend auf Korallenriffen,
und die Gischt auf gelben Wellen riecht nach Fischen,
Ölsardinen. Nasse Katzen schnurr´n im Morgentau
und kosten. Gleißend quietscht in Straßen-
bahnenscheiben Sonne auf die Schienen.
Von der Nacht sind alle Kästen grau und rosten und
da, wo Wagen wiegen in dem Meer die jungen Frauen,

hüpfen durch die Pfützen gummistiefelnd Regenmantelkinder

- tropfen, an den Händen hinter Einkaufswände fortgezogen -

kopfdrehend sehen sie im Straßenwasser bunt
den Regenbogen.

der folgende Text ist erschienen in der Frankfurter Bibliothek